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Veröffentlicht am 28­.10.2026

Zum Vatikan-Dokument VENITE AD ME

Der Vatikan sieht die katholische Kirche weltweit in einem "Epochenwandel" und vor einem Abbruch der Glaubensweitergabe. Prof. Norbert Mette und auch Dr Martin Schockenhoff haben das am 22. Oktober 2026 veröffentlichte 88-seitige Schreiben des Dikasteriums für die Glaubenslehre für Wir sind Kirche einer ersten Analyse unterzogen. Als Faktoren für den "Epochenwandel" nennt das Schreiben neben weitreichender Enttäuschung, Individualismus und Säkularisierung auch veränderte Beziehungen in einer digitalisierten Welt. Dass ein wesentlicher Grund für die Krise der Weitergabe auch in dem innerkirchlichen Reformenstau liegt, blendet das Papier VENITE AD ME allerdings aus, .

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Reaktionen 

Prof. i.R. Dr. Dr. hc Norbert Mette, Institut für Kath. Theologie - TU Dortmund, für Wir sind Kirche: Venite ad me 
> Erste Reaktion 28.10.2026

Dr. Martin Schockenhoff (Wir sind Kirche-Bundesteam): Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit
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Markus Nolte: Der Ruf nach Evangelisierung – und der Balken im eigenen Auge
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Norbert Mette: Venite ad me

Unter diesem Titel „Kommt alle zu mir“ (Mt 11, 18) hat das Dikasterium für die Glaubenslehre am 22. Oktober 2026 ein von Papst Leo XIV approbierte „Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit“ veröffentlicht. Das 88 Seiten umfassende Schreiben ist in 7. Kapitel gegliedert: „Die Kapitel I und II bilden die theologischen Grundlagen ausgehend von der in der Person und in den Werken Jesu von Nazareth geoffenbarten Botschaft der Liebe des Vaters, um schließlich zu den wichtigsten Umfeldern ihrer Weitergabe in der Kirche zu gelangen, nämlich der Familie und der Gemeinschaft. Kapitel III befasst sich mit den Herausforderungen des Epochenwandels, dessen Kennzeichen eine beispiellose Schwierigkeit bei der Fortführung der traditionellen Formen der Glaubensvermittlung ist. Darauf geht Kapitel IV ein, indem es auf das schlagende Herz dieses Wirkens, nämlich auf die Botschaft des Kerygmas, hinweist. Kapitel V behandelt verschiedene praktische Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Leben der Gemeinschaften in ihren verschiedenen Aspekten, während die Kapitel VI und VII jeweils das Verhältnis zwischen Glauben und Kultur vertiefen und auf einige spezifische pastorale Anliegen hinweisen. Kapitel VIII sammelt schließlich einige konkrete Zeugnisse, die die Weitergabe des Glaubens im Kontext des Alltagslebens der Menschen veranschaulichen.“ (so die Übersicht in Anm. 3)

Dieser deduktiv gehaltene thematische Aufbau ist für traditionelle Lehrschreiben der katholischen Kirche charakteristisch. Inzwischen ist in neueren Dokumenten das Schema „Sehen – Urteilen – Handeln“ bevorzugt worden. Dem zu folgen, hätte sich auch für die in diesem neuen Schreiben behandelte Thematik nahe gelegt, zumal manche Passagen in ihm durchaus in diese Richtung weisen.

Das ergibt sich bereits daraus, dass das Schreiben den Schwerpunkt auf den Glaubensakt legt, der den Glaubensinhalten vorausliegt. Der Glaubensakt hat es mit der Einschreibung des Glaubens in grundlegende Lebenserfahrungen zu tun, wie vor allem mit der Hoffnung und Sehnsucht auf ein „Leben in Fülle“ (Jo 10,10) auch durch dessen Verletzungen hindurch. Wie dieses Duchbuchstabieren des Zusammenhangs von Leben und Glaube  (Korrelation; kürzlich las ich den Satz: „Das Leben des Menschen ist Gottes Alphabet.“)) unter den gegenwärtigen kulturellen Gegebenheiten gelingen kann, ist die entscheidende Frage für die Möglichkeit einer freien Wahl eines Leben aus dem Glauben heraus. Vorrangig geht es wie Jesus darum, den Menschen Heil im umfassenden Sinn (Schalom) erfahrbar werden zu lassen; ob sie sich in dessen Nachfolge begeben, ist ihre Sache.

Ausdrücklich wird vom Dikasterium eingangs darauf hingewiesen, dass es keine lehrmäßige Note vorgelegt hat, sondern Überlegungen, die im diskursiven Stil gehalten sind und dazu einladen, sich damit mit Bezug auf die jeweils eigene Situationen auseinanderzusetzen und es fortzuschreiben. Ausgangspunkt für die Überlegungen ist, dass die katholische Kirche es weltweit mit einer Krise, wenn nicht einem Abbruch der „Weitergabe des Glaubens“ zu tun hat, was sich auch auf die zahlenmäßige Zugehörigkeit zu ihr auswirkt. Diese Entwicklung wird mit Blick auf ihre jeweilige Eigenart in den verschiedenen Teilen der Weltkirche kurz nachgezeichnet. Dem entgegenzuwirken, bedarf es, so appelliert das Dikasterium, einer Rückbesinnung auf das Kerygma als dem Herzstück des christlichen Glaubens. Dabei ist das Kerygma umfassend gemeint – in dem Sinne, was den lebendigen Glauben in den verschiedenen Dimensionen des Menschseins ausmacht: eine Begegnung mit Jesus Christus mit Kopf, Herz und praktischem Tun.

Bei aller grundsätzlichen Zustimmung dazu ist zur inhaltlichen und praktischen Umsetzung dessen in dem Schreiben eine Reihe von Schwächen und Unstimmigkeiten zu verzeichnen.

  • Das beginnt schon mit dem Begriff „Weitergabe des Glaubens“. Vor allen aus protestantischen Reihen sind wiederholt erhebliche Vorbehalte diesem Diktum gegenüber geäußert worden mit dem Einwand: Der Glaube ist ein Geschenk Gottes. Menschen können ein Vorfeld dafür schaffen, aber den Glauben selbst nicht an andere Menschen weitergeben. U.a. erweitert ein solches Verständnis den Blick auf Gottes Wirken über die (katholische) Kirche hinaus.
  • Auffällig ist, dass in dem Schreiben stark mit dem Dualismus „Finsternis – Licht“ argumentiert wird. Damit geht die Tendenz einher, neuere Entwicklungen in der Welt einseitig negativ zu konnotieren. Der Säkularisierungsbegriff wird dafür undifferenziert in Gebrauch genommen.
  • Überhaupt leidet das Schreiben darunter, dass auf erhellende wissenschaftliche Studien, wie sie beispielsweise zum Verhältnis von Religion und Familie oder Religion und Kultur zahlreich vorliegen, nicht zurückgegriffen wird, auch nicht auf theologische Beiträge zum Thema, die es in Hülle und Fülle gibt. In den Anmerkungen werden überwiegend Texte von Päpsten aufgeführt.
  • Worauf, wenn überhaupt, eher zurückhaltend hingewiesen wird, ist die Tatsache, wie sehr es die katholische Kirche selbst ist, die ihrer Tradierung im Wege steht. Es müssen dazu nicht ein weiteres Mal alle möglichen Versäumnisse und Verfehlungen aufgelistet werden. Aber schon allein die Sprache, in der das Schreiben verfasst ist, löst die in ihm ausdrücklich erhobene Forderung zu einer Inkulturation nicht ein.
    Hinzukommt eine Reihe von weiteren Desideraten:
  • Dass sich die subalterne Stellung der Frauen in der Kirche auch dahingehend auswirkt, dass sie nicht länger die Protagonistinnen der religiösen Erziehung und Bildung ihrer Kinder sind, wie es ehedem der Fall war, wird nicht thematisiert.
  • Dass die stark zentral Reglementierung der Liturgie sie nur höchst bedingt in die verschiedenen Kulturen inkulturieren lässt, zur Folge hat, dass sie von vielen Menschen heute nicht wirklich mitvollzogen werden kann und sich in deren stark rückläufigen Teilnahme auswirkt, wird ebenfalls nicht benannt.
  • Ein zentraler Punkt für die „Weitergabe des Glaubens“ ist, dass sie stark von Beispielen oder Vorbildern einer glaubwürdig gelebten Praxis dieses Glaubens im Sinne von Bonhoeffers Formel des Betens und des Tuns des Gerechten unter den Menschen abhängt, die andere fragen lässt: Warum tun die das? Die soziale Dimension des Glaubens wird zwar erwähnt, bleibt aber in ihrem Gewicht unterbelichtet.
  • Auch fehlt, dass es um eines glaubwürdig nachvollziehbaren Glaubens ernst genommen werden muss, dass, wie Tomáš Halík es genannt hat, Zweifel sein Bruder ist. Damit ist anzuerkennen, dass man sich auch bewusst gegen den Glauben entscheiden kann – wobei es für manche Gläubige als schmerzhaft empfunden auch nahestehende Personen sind, die das tun. Sie werden dadurch in christlicher Sicht nicht minderwertig.
  • Dass die Ökumene erst am Schluss des Dokuments im letzten Kapitel erwähnt wird, zeugt von einem enormen mangelnden Bewusstsein in dieser Hinsicht. Viel spricht demgegenüber für die These, dass nur ein Christentum, das sich in versöhnter Einheit repräsentiert und offen ist für einen Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen Religionen und Weltanschauungen, der heutigen Welt ein glaubwürdiges Zeugnis vom die Menschen liebenden Gott zu geben in der Lage und zukunftsfähig ist.

Das Dikasterium für die Glaubenslehre hat mit dem Schreiben „Venite ad me“ den Blick auf eine wichtige Herausforderung gerichtet, vor der die katholische Kirche gemeinsam mit ihren Schwesterkirchen steht. Dafür eine Grundlage geschaffen zu haben, die mit ihren Anregungen aufgenommen und debattiert werden kann, ist ihr Verdienst. Um den von Papst Paul VI bereits konstatierten Bruch zwischen Kirche und Kultur aufzuarbeiten, bedarf es, wie angedeutet, intensiven weiteren Nachdenkens und längst fälliger Veränderungen.

 

 

 

 

Martin Schockenhoff: Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit

Erste Analyse und Würdigung

(1) VENITE AD ME (VAM) wurde vom Papst am 21. August 2026 approbiert und vom Dikasterium für die Glaubenslehre am 22. Oktober 2026 in mehreren Sprachen, darunter auch Deutsch, veröffentlicht. Die nachstehenden Ausführungen beruhen auf der deutschen Fassung, Ziffernangaben beziehen sich auf die entsprechenden Ziffern in VAM.

(2) VAM stellt keine lehrmäßige Note dar, sondern Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens unter den gegenwärtigen soziokulturellen Bedingungen (Ziff. 2 und 8). Angesichts des in vielen Teilen der Welt festzustellenden Abbruchs der Glaubensweitergabe sei es notwendig, zu den Grundlagen des Glaubens, zum Kerygma, zurückzukehren (4).

(3) In VAM geht es nicht darum, was Inhalt der Glaubensweitergabe sein soll, sondern wie der Glaube weitergegeben werden soll. Thema ist das Kerygma, nicht das Dogma. Das Verhältnis von Kerygma und Lehramt wird nur implizit an zwei Stellen angesprochen in dem Sinn, dass Hauptträgerin der Weitergabe des Glaubens die Kirche in ihrer Gesamtheit sei und das depositum fidei durch VAM nicht gefährdet werden (29 und 138).

(4) Das Papier soll ausdrücklich auch konkrete Vorschläge für die Verkündigung des Kerygmas in dem „im Epochenwandel, den wir gerade durchleben“ vorlegen. Das Dikasterium möchte damit dem Wunsch von Papst Franziskus nachkommen, den Menschen bei der Umsetzung des in Evangelii gaudium aufgezeigten Wegs zu helfen (4).

(5) Gegliedert ist das Dokument in sieben Kapitel sowie eine Einleitung und ein Schlusswort.

(6) In Kapitel I wird die Botschaft der Liebe des Vaters, d.h. die Lehre des historischen und des verkündigten Jesus, dargestellt. Dogmatische Aussagen zur Bedeutung des Todes Jesus fehlen. Der Text lässt eine sühnetheologische Interpretation des Todes Jesu zu, legt sie aber nicht nahe. Die Ausführungen in Ziff. 18 ff. beschränken sich auf eine nachvollziehbare politische Deutung des Todes Jesu und münden in die Aussage, dass das Todesurteil nicht die Kraft hatte, das wahre Licht der Welt auszulöschen (20).

(7) In Kapitel II (Das Licht des Glaubens) wird der Kern der christlichen Glaubenserfahrung – die Begegnung mit Jesus, dem Licht der Welt – näher erläutert. Das Licht Jesu erstrahle wie in einem Spiegel auf dem Antlitz der Christen, und so verbreite es sich weiter (27). In der Zeit des Epochenwandels sei die Weitergabe des Glaubens aber schwierig geworden (27).

(8) Die Aufgabe der Glaubensweitergabe habe nicht mit der apostolischen Verkündigung geendet, sondern setze sich durch die Zeiten fort. Glaubensweitergabe bedeute nicht, eine Sammlung von Lehrinhalten oder religiösen Informationen zu transportieren, sondern es handele sich um eine Form des kirchlichen Lebensvollzugs (29).

(9) In den Ziff. 31 ff. wird dargelegt, dass die Weitergabe des Glaubens in der Familie beginne und dort ihren wichtigsten Ort habe (37). Allerdings seien die Randbedingungen weggebrochen, in vielen Teilen der Welt finde die Weitergabe des Glaubens im familiären Umfeld nicht mehr statt (38).

(10) Die Gründe für diesen Abbruch werden in Kapitel III (Der Epochenwandel) näher analysiert. Der Abbruch finde vor allem in den USA und Nordamerika sowie Westeuropa statt. Kinder, die religiös erzogen worden seien, seien nunmehr weitgehend religiös gleichgültig. Sie würden ihre Identität nicht mehr durch ihren Glauben definieren (48). Dies sei aber auch in Lateinamerika und der Karibik zu beobachten (50). Ähnliches werde von den Bischöfen aus dem südostasiatischen Raum berichtet (51).

(11) Ohne die Komplexität dieser Entwicklung im Einzelnen darzustellen, sei festzuhalten, dass die moderne Gesellschaft andere Strukturen aufweise als die Kirche, und dass die Kirche dies oft ignoriert habe. Die Priester hätten sich oft auf die Verteidigung („Erhaltung“) bestehender Strukturen beschränkt, während die Welt um sie herum sich radikal verändert habe) (53).

(12) Deshalb gehe es darum, die Weitergabe des Glaubens im Kontext der ganz neuartigen Kultur zu betrachten. Diese neue Kultur präge durch die sozialen Medien und den öffentlichen Diskurs die Denkweise der Katholiken stärker, als es der Glaube, die Tradition und die Frömmigkeit täten. In den bereits früh evangelisierten Ländern könne mittlerweile von postchristlichen Gesellschaften gesprochen werden (55).

Der weit verbreitete Individualismus sei vielleicht eine der offenkundigsten Auswirkungen des Sekularisierungsprozesses, der dazu neige, den Glauben und die Kirche auf den privaten, persönlichen Bereich zu beschränken. Mit der Leugnung jeglicher Transzendenz gehe auch eine Schwächung des Bewusstseins der persönlichen und sozialen Sünde und die Zunahme des Relativismus einher (57).

In Ziff. 59 ff. werden die Chancen und Risiken der digitalen Technologien behandelt. Einerseits würde dadurch das Zugehörigkeitsgefühl zu lokalen Gemeinschaften abgeschwächt und ein authentisches Gespür für Geschichte und Vergangenheit verlorengehen. Andererseits böten die neuen Technologien völlig neue Möglichkeiten der Evangelisierung (60 f.)..

(13) Der beschriebene Abbruch der Glaubenswiedergabe sei nicht auf bestimmte Regionen beschränkt, sondern zeige sich in allen Ländern, die eine Säkularisierung durchlaufen, d.h. Länder mit rasantem Wirtschaftswachstum und damit verbundenem zunehmendem Individualismus (66).

(14) Insgesamt fällt bei den Analysen des Kapitels III auf, dass innerkirchliche Gründe für den Abbruch der Glaubensweitergabe, insbesondere der Reformstau, ausgeblendet werden. Nicht erwähnt wird, dass sich viele Frauen, die weltweit die Mehrzahl der praktizierenden Katholiken ausmachen und sich intensiv um die Weitergabe des Glaubens kümmern, sich in vielen Ländern enttäuscht abwenden, weil sie in einer Weise diskriminiert werden, die auch dem modernen Menschenrechtsverständnis widerspricht. In Deutschland hatte die von der Universität Freiburg im Jahr 2019 erstellte Studie „Projektion 2060“ ergeben, dass sich der prognostizierte Rückgang der Mitgliederzahlen beider Kirchen in Deutschland „sich weniger als zur Hälfte mit dem demografischen Wandel erklären“ lasse, weshalb die Kirchen ihre Anstrengungen bei der Suche nach den von ihnen zu beeinflussenden Zusammenhängen intensivieren müssten.

(15) In Kapitel IV  (Die zentrale Bedeutung des Kerygmas) wird die Notwendigkeit des Aufbruchs zu neuen Formen der Verkündigung dargestellt. Im Zentrum stehe das Kerygma (72). Es handele sich nicht nur um eine Weitergabe von Inhalten, sondern darum, die Herzen der Adressaten zu entflammen (77). Die Sprache dürfe nicht dogmatisch, moralistisch oder scholastisch sein, sondern eine Sprache des Herzens (80). Die Weitergabe des Glaubens erfordere eine Sprache der Nähe (81).

(16) Bei der Verkündigung des Kerygmas sei es nicht sinnvoll, sich in die verschiedenen Bereiche und Arten der katholischen Lehre zu verlieren. Es komme vielmehr darauf an, von der Liebe Gottes zu sprechen, die jeder Mensch mit Hilfe des Heiligen Geistes erkennen und weitergeben könne (84). Menschen müssten dort erreicht werden, wo sie mit ihren Sehnsüchten und Träumen, mit ihren Mühen und Nöten stünden (86).

(17) In Kapitel V (Die Weitergabe des Glaubens in den Gemeinschaften (Gemeinden)) wird die Bedeutung aller kirchlichen Gemeinschaften für die Weitergabe des Glaubens betont. Wichtigster Kanal der Glaubensvermittlung sei nach wie vor die Begegnung von Person zu Person (89). Aber auch der Liturgie und anderen gemeinschaftlichen Vollzügen komme große Bedeutung zu (90 ff.). Zu hinterfragen ist die Aussage in Ziff. 91, dass die gemeinschaftliche Dimension der Liturgie ein „Gegenmittel gegen die Anziehungskraft eines egoistischen und individualistischen Lebensstils“ darstelle. Die Bedeutung der Rolle des persönlichen Zeugnisses wird betont (95 ff.).

(18) Auch in diesem Zusammenhang fällt auf, dass das Erfordernis innerkirchlicher Reformen unerwähnt bleibt.

(19) In den Kapiteln VI (Glaube und Kultur) und VII (Einige besondere Aspekte) werden einzelne praktische Felder der Glaubensweitergabe erörtert (Kultur, Volksfrömmigkeit, Pilgerfahrten etc.). In Kapitel VIII (Zeugnisse) wird über persönliche Zeugnisse berichtet, in 128 ff. wird die Rolle der Familien hervorgehoben.

(20) Im Schlusswort wird – wohl vorsorglich, um zu erwartender Kritik entgegenzutreten – dargelegt, dass sich die Analysen und Ausführungen in diesem Papier weder vom depositium fidei entfernen, noch zu einer rein subjektiven Dimension der Glaubensweitergabe führen. Es handele sich vielmehr um einen Aufruf an alle Gläubigen, zum Kern des christlichen Glaubens zurückzukehren, nämlich zur Weitergabe einer persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit dem lebendigen Christus (138).

Abschließend wird das Zeugnis vieler Laien und Ordensleute für die Glaubensweitergabe hervorgehoben (143).

Fazit und Bewertung

(21) Das auf Eingaben aus allen Teilen der Weltkirche beruhende Papier konstatiert zutreffend die Krise der Glaubensweitergabe und benennt ebenfalls zutreffend, aber selektiv einige Ursachen hierfür. Ein grundsätzlicher Neuansatz der Glaubensweitergabe, insbesondere hinsichtlich der Erwachsenenevangelisierung, wird eingefordert. Der fehlende Wille zu innerkirchlichen Reformen wird im Widerspruch zu soziologischen Erkenntnissen (Studio Projektion 2060 der Universität Freiburg) ignoriert.

(22) Aktuelle theologische Streitfragen über Dogmen, päpstliche Lehraussagen und Verbote bleiben ausgeklammert. Zwar wird unterstellt, dass der Glaube der Kirche, wie er auch durch das Lehramt festgelegt werde, weitergegeben wird (29, 138). Die Hauptaussage von VAM liegt jedoch darin, dass die Re-Evangelisierung von unten ausgehen müsse, und dass unter geänderten soziokulturellen Randbedingungen hierfür neue Formen gefunden werden müssen.

(22) Aus der Sicht der Reformbewegung positiv ist, dass der Ansatz in erster Linie bei der Basis gesehen wird. Zwar fällt die Familie, wo traditionell der Glauben erlernt wird, immer mehr aus, aber dafür wird die Rolle des Einzelnen und der örtlichen Gemeinschaften als wichtigste Akteure betont. Das passt zu den Anliegen der Reformbewegung, den Blick auf die Basis zu lenken.

(23) Es fällt auf, dass das Verhältnis von Klerikern und Laien im VAM nicht thematisiert wird. Dies hätte nicht nur in der Sache nahegelegen, sondern auch deshalb, weil VAM sich mehrfach ausdrücklich auf Evangelii gaudium, das grundsätzliche Ausführungen zu dieser Frage enthält, bezieht. Andererseits wäre nicht zu erwarten gewesen, dass VAM, das ausdrücklich nur „Überlegungen“ des Dikasteriums für die Glaubenslehre enthält, über das päpstliche Schreiben Evangelii gaudium hinausgeht.

(24) Aus der Sicht der Reformbewegung enthält VAM trotz der geschilderten Defizite positive Ansätze und vermeidet lehramtliche Gängelung. Durch eine differenzierte Würdigung könnte die Reformbewegung auch dem Vorwurf aus konservativen Kreisen entgegentreten, ihr gehe es nur um Strukturen, nicht aber um den Glauben.

 

 

 

Zuletzt geändert am 28­.10.2026