Dr. Edgar Büttner zu Enzyklika "Magnifica humanitas"
Papst Leo‘s Sozialenzyklika für eine digitalisierte Arbeitswelt: Quod erat demonstrandum!
Die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ (MH) - großartige Menschheit - gründet in einem humanistischen Christentum (Hans Küng). Wir sollen voll und ganz Mensch werden, indem wir mit dem geglaubten Gott des Jesus von Nazareth über uns selbst hinauswachsen. Humanitas ist im Doppelsinn von Menschheit und Menschlichkeit zu lesen. Es geht zentral um Technik und Herrschaft, Wahrheit (Medien und Bildung) und Freiheit gegen soziale Kontrolle und Aus-beutung, gegen eine Kultur der Macht.
Mit Personalität, sozialer Gerechtigkeit, Solidarität, Subsidiarität und Allgemeinwohl resümiert die Enzyklika zu Beginn klassische Prinzipien von Leo XIII. „Rerum novarum“ (RN) bis Pius XI. „Quadragesimo anno“ (QA) und stellt sich wie Papst Franziskus in Laudato si‘ in die Tradition der katholischen Soziallehre. Der Vatikan reagierte 1891 mit dem Namensvorgänger Leos arg verspätet auf die Verelendung der Arbeiterschaft in der Industriegesellschaft, was Karl Marx, in Reaktion auf den Sozialbischof Ketteler (Mainz), schon früher unfreundlich kommentiert hatte: „Die Hunde kokettieren mit der Arbeiterfrage.“ QA beeinflusste das Grundgesetz mit dem ‚katholischen‘ Prinzip der Subsidiarität, mit dem Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft, mit dem Recht auf Eigentum und seiner Sozialpflichtigkeit. Das offene System der Soziallehre erhält ein Update: „Zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, müssen wir heute auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten.“ In den Ohren von Tech-Milliar-dären, die sich ihre eigene ‘Moral‘ einbilden, um sich aus Profitgier skrupellos der Trump-Regierung anzubiedern, klingt das nach Kommunismus.
Erwerbsarbeit dient der Selbstverwirklichung, ist inklusiv und sinnstiftend. In der Kinderarbeit werden "Körper verletzt, verstümmelt und verbraucht, damit der Datenfluss nicht zum Stillstand kommt.“ Leo XIV., mit peruanischem Pass, erinnert an die 830 Mio. Menschen, die von einem Dollar am Tag leben müssen. Die Angst um immensen Verlust von Arbeitsplätzen durch KI zugunsten von Gewinnmaximierung ist real begründet. Leos uneingeschränktes Bekenntnis zu „starken Gewerkschaften“ ist neu. Es ist kompatibel mit der „Decent Work Agenda“ (menschenwürdige Arbeit) der „Internationalen Arbeitsorganisation“ (ILO) und des „Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (DGB). Der Papst zeigt sich nach ‘Dilexi te‘ erneut von jener Befreiungstheologie imprägniert, die zwei seiner Vorgänger, Karol Wojtyla und Josef Ratzinger, so unerbittlich als Sozialismus bekämpften.
KI ist das Mastermind des „technologischen Paradigmas“ (Laudato’Si). Es ist nicht die Frage, ob KI sein soll, sondern wie sie genutzt wird, wie sie allen Menschen dient und zu einer gerech-teren Welt führt. Leo wendet Theologie auf die Wirklichkeit an. Darin liegt das Besondere für Kirchen, Nerds und alle Menschen guten Willens. Er preist den kreativen Erfindergeist des Menschen als vom jüdisch-christlichen Schöpfergeist eingestiftet. KI ist ein nützliches Instru-ment, aber sie birgt in autonom agierenden Algorithmen unabsehbare Risiken und Gefahren. KI macht keine (Gottes-)Erfahrung, kennt keine Innerlichkeit, Erlebnisqualität und Subjekti-vität. Sie fühlt nicht, aber kann Gefühle simulieren. Sie liebt nicht, aber sie kann so tun als ob. Sie handelt nicht aus sich heraus verantwortungsvoll. Softwareentwickler, Investoren, Trainer und Nutzer tragen eine Verantwortung auf allen Stufen der Entwicklung, die sie nicht an Systeme delegieren dürfen. Es ist „außerordentlich wichtig, in die Programmierung der von uns entwickelten künstlichen System Werte und umsichtiges Urteilsvermögen einfließen zu lassen, die zu einem moralischen Gefüge beitragen können“, so der Pontifex.
Der Papst wirbt bei Religionen, Philosophie und Gesellschaft dafür, einen weltweiten Ethik-kodex zu entwickeln. Der Vatikan steht seit 2016 im Dialog mit Akteuren des Silicon-Valley, die von sich aus im Vatikan moralische Orientierung nachfragen. Deswegen präsentierte er das Lehrschreiben selbst - ein Novum - gemeinsam mit Christopher Olah, bekennender Atheist und Mitbegründer des KI-Unternehmens Anthropic, dessen Vermögen auf sieben Mrd. Dollar geschätzt wird. Olah kennt KI wie kaum ein anderer. Auch er kann nur ahnen, was da vor sich geht, „rätselhafte, sogar beunruhigende Dinge.“ (Olah)
Bei der Präsentation sprach auch Anna Rowlands, Professorin für katholische Soziallehre an der britischen Durham University, Spezialistin für Hannah Arendt und Simone Weil. Sie buchstabiert das biblische „Leben in Fülle“ als „Zivilisation der Liebe“ (Paul VI.) durch. Damit assoziiert man unwillkürlich die gegenteilige Absicht der Zerstörung einer ganzen Zivilisation durch einen gestörten amerikanischen Präsidenten. Mit Hannah Arendt geht es zentral um den Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, zwischen wahr und falsch: „Wenn die Frage nach dem, was wahr ist, ihre Bedeutung verliert und an ihre Stelle ein Pragmatismus tritt, der sich mit dem begnügt was nützlich oder wirksam zu sein scheint, wird das demokratische Leben schwächer.“ (MH 134)
KI ist ein „wesentlicher Bestandteil der Demokratie“. Sie schafft jedoch neue Abhängigkeiten, sowohl im privaten Bereich der Aufmerksamkeitsökonomie - sie frisst Lebenszeit - wie in einem digitalen „Kolonialismus mit neuem Gesicht“. Least developed countries, die Vierte Welt, können sich die ungeheuren Energiemengen und -kosten gar nicht leisten. (Geplante Rechen-zentren verbrauchen soviel Strom wie eine Großstadt.) Die gewaltige Macht darf nicht auf eine Handvoll Unternehmen konzentriert bleiben. Der Rest der Menschheit würde deren Daten-fluss, Desinformation und Manipulation ohnmächtig ausgeliefert, geradezu versklavt. Das alles ist nicht neu. Mit der Autorität des Papstamtes versehen, gewinnt es an Durchschlagskraft und Dringlichkeit für digitale Otto-Normalverbraucher genauso wie für Entscheider in Politik und Wirtschaft.
Die Macht von KI und der Mensch beeinflussen sich gegenseitig. Die unbegrenzte kognitive Intelligenz der KI trifft auf einen Menschen, der sie hervorgebracht hat und der ein endliches, begrenztes Wesen bleibt. Darin liegt ein Verführungspotential für einen Transhumanismus (Mensch als Aviatar) und Posthumanismus, der die Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen durch Gentechnik oder Nanotechnologie überwinden will. Technik will sich an die Stelle des Menschen setzen. Dafür steht die biblische Metapher vom Turmbau zu Babel, dagegen der Wiederaufbau Jerusalems durch Nehemia im 5. Jhd. v. Chr. nach der Katastrophe des Exils. Es geht um eine Entscheidung „zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wieder aufzubauen.“ (MH 2)
Von Beginn an ist Leo XIV. als Papst des Friedens aufgetreten, gegen Kriege und mit militä-rischer Gewalt ausgetragene Konflikte, und er ist zur moralischen Instanz geworden. KI kann Kriege noch grausamer machen durch neue Waffensysteme, die selbst über Leben und Tod entscheiden können. Es gibt Algorithmen, die den Krieg entmoralisieren. „KI muss entwaffnet werden.“ Dieser Satz Leos wird bleiben in einer Zeit neuen Rüstungswettlaufs. Es braucht eine Theorie des gerechten Friedens, denn kein Krieg ist gerecht, unbeschadet des Rechts auf Selbstverteidigung. Das hatte schon Franziskus gefordert.
Die Theologin Anna Puzio, Universität Bern, Technikphilosophin im „Netzwerk Theologie und KI“ parallelisiert formal die Unsterblichkeitsversprechen von Big-Tech mit der Jenseits-Hoffnung der Religionen auf ein Leben im Tod. Das verfehlt die Pointe. Gerade in „Grenz-situa-tionen“, um mit Karl Jaspers zu sprechen, nämlich echtes Scheitern, unvermeidliches Leiden, individuelle Schuld, gewaltfreier Kampf und im Bewusstsein der Sterblichkeit, kann der Mensch über sich selbst hinauswachsen, zu einem menschlichen Menschen werden. Die Grenzsituationen lassen sich nicht wegoptimieren, wie es die Peter Thiels dieser Welt mit freihändig ausgelegten Bibelstellen (Katechon?) in vollkommener Harmonie zwischen Arro-ganz und Ignoranz verheißen. Gerade aus existentieller Endlichkeit, erwächst „Existenz vor Transzendenz“ (Jaspers), biblisch gewendet, zeigt sich paradoxerweise im Unvollkommenen „Leben in Fülle“.
Anthropic ist beileibe kein Regensburger Sängerknabe. Ein Analyst der Bank JP Morgan schrieb: Manchmal wirke es wie ein Brandstifter der Feuerlöscher verkaufe (SZ 30-05-26). Anna Puzio sieht die Gefahr des „Ethik-Washing“, eine Marketingstrategie. Es ist eine Frage der Perspek-tive. Der Vatikan wählt seine Gesprächspartner gezielt aus. Dem KI-Programm namens Claude wurden strenge Regeln eingepflanzt. Weil Anthropic seine Forschungen aus moralischen Erwägungen heraus nicht vorbehaltlos für militärische Entwicklungen der USA preisgeben will, ist es ist für Trump ein “linkes, wokes Unternehmen“. Eine bessere Empfehlung zu Kooperation kann es für Ethiker kaum geben! „Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung!“ so der mathematisch vorbelastete Leo in einer fliegenden Pressekonferenz: Quod erat demon-strandum!
Und Reformen in der Amtskirche selbst? Die berühmte Subsidiarität der Sozialenzyklika QA von 1931 läuft sich verspätet mit Weltsynode und Synodalen Wegen gerade warm. Der sportliche Leo XIV. will den Marathonlauf des größten sozialen Global Players mit 1,4 Mrd. Christ*innen fortsetzen. Die deutsche Kirche, deren Reichtum dem Vatikan und der Welt-kirche zugutekommt, kann schon mal vorauslaufen.
Papst Leo XIV. ist mit seinem bedeutsamen Rundschreiben auf der Höhe der Zeit. Es ist ein Regierungsprogramm ad extra. Hoffen wir, dass auch die von seinem Vorgänger angestoßene synodale Kirchenreform ad intra inhaltlich und strukturell bald ebenso ambitioniert Fahrt aufnimmt. Rufe nach durchgreifenden Reformen kommen seit Langem aus allen Teilen der Weltkirche, verstärkt von (Ordens-)Frauen. Die weltweite Reformbewegung We are church und andere machen seit Jahrzehnten vor, dass es geht und wie es gehen könnte. Wenn nicht jetzt - wann dann?
Dr. Edgar Büttner, Theologe/Business-Coach, info@dr-buettner.com, Bad Aibling, 02. 06. 26
Zuletzt geändert am 03.06.2026

