Überlegungen zur pastoralen Situation in der Kernstadt Hanau

Die folgenden Fragen beziehen sich auf das nordmainische Gebiet der Kernstadt. Die kath. Kirche hat das Gebiet der Kernstadt in 4 Pfarreien aufgegliedert (St. Elisabeth, Heilig Geist, St. Josef, Mariae Namen).

 

These 1

Die Zukunft des Christentums entscheidet sich nicht in ev. oder kath. Gettos oder Reservaten auf dem abgelegenen Land, sondern in den Ballungsgebieten. Nur wenn es den Kirchen dort in einer weitgehend weltanschaulich pluralen Umgebung gelingt, öffentlich überzeugend zu wirken, wird der Glaube eine Zukunft haben.

Nach einer McKinsey Studie glauben nur 9,1 % weder an Gott noch an eine höhere Kraft. 43,1 % glauben an eine höhere Kraft, die anderen glauben mehr oder weniger kritisch an Gott. Die Mehrheit in unserem Land kann somit in irgendeiner Weise als gläubig bezeichnet werden.

Frage: Was sind nach Ihrer Einschätzung die Gründe, daß Kinder und Jugendliche sich in steigendem Maß nach Erstkommunion bzw. Firmung aus dem Gemeindeleben zurückziehen?

Worauf führen Sie es zurück, daß in den letzten Jahrzehnten immer weniger Menschen in den Großkirchen eine Heimat für ihren Glauben finden?

These 2

Nach Ansicht von Soziologen entfernen sich die Kirchenmitglieder der Großkirchen immer mehr von der normorientierten "Gnadenanstalt", wie es die Forscher nennen. Vielmehr wählen die Kirchenmitglieder in zunehmenden Maß das aus dem Angebot der Kirchen aus, was ihnen als Hilfe bei der Bewältigung ihres Lebens erscheint. So werden kirchliche Handlungen an den Wendepunkten des Lebens (Taufe, Trauung, Kommunion, Konfirmation, Beerdigung) gern wahrgenommen ebenso wie Weihnachtsgottesdienste. Nicht mehr kirchliche Gebote und unverzichtbare Glaubenswahrheiten, die von Kirchenleitungen eingefordert werden, scheinen für immer mehr Kirchenmitglieder ausschlaggebend zu sein, sondern die eigene Wahl.

Fragen: Wie beurteilen Sie die Einschätzung der Soziologen?

Beobachten Sie ähnliche Entwicklungen in Ihren Gemeinden?

In welcher Form werden Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, wie Schichtdienst und Wochenendarbeit, Arbeitslosigkeit, Teilzeit, flexible Arbeitsplätze, Bezug von Sozialhilfe, Reichtum) und die privaten Lebensverhältnisse (Familienstand, Trennung, Scheidung, Wiederverheiratung, alleinlebende, alleinerziehende, Wohnverhältnisse) in der Pastoral berücksichtigt.

Wie sollte Ihrer Meinung nach mit diesen Entwicklungen umgegangen werden?

These 3

Kirche soll nicht nur für das "problemlose Milieu" da sein, sondern besonders für die Mühseligen und Beladenen, d.h. Menschen in Lebenskrisen. Es gibt in der Kirche anerkannte Lebenskrisen (wie: Geburt, Mann-/Frauwerdung, Eheschließung, Tod) und weniger anerkannte, bzw. sanktionierte Lebenskrisen (wie: Ehescheidung, Wiederverheiratung, ledige Mütter, Konfliktschwangerschaften, Abtreibung, Aufgabe des Priesteramtes).

Fragen: Wie erleben nach Ihrer Einschätzung Menschen mit weniger anerkannten, bzw. sanktionierte Lebenskrisen (wie: Ehescheidung, Wiederverheiratung, ledige Mütter, Konfliktschwangerschaften, Abtreibung, Aufgabe des Priesteramtes) Kirche und Gemeinde ?

Was sollte/könnte Kirche für diese Menschen anbieten?

These 4

In Hanau gehören z. Z. ca. 1/3 den Muslimen bzw. keiner Religionsgemeinschaft bzw. kleinen Gemeinschaften (z.B. Juden, Buddhisten, Bahai, Esoterik.), ca. 1/3 der evangelischen Kirchen und ca. 1/3 der katholischen Kirche an. Diese Zusammensetzung wird sich in naher Zukunft ändern. Denn 50% und mehr der neu eingeschulten Kinder stammen in machen Hanauer Schulbezirken aus dem muslimischen Kulturkreis. In den meisten westdeutschen Großstädten sieht es ähnlich aus.

Fragen: Welche Herausforderung an eine christliche Identität erwächst Ihrer Meinung nach daraus?

Wie denken Sie sollte sich von katholischer Seite ein Kontakt zu den Muslimen gestalten?

Welche gemeinsamen Interessen zwischen Katholiken und Muslimen könnte es geben?

Welche gemeinsamen Aktionen zwischen Katholiken und Muslime sollte es nach Ihrer Meinung geben?

These 5

Es ist davon auszugehen, daß die Vermischung einer multikulturellen Bevölkerung zunehmen wird. Das bedeutet auch, daß es in zunehmendem Maße nicht nur konfessions- sondern auch religionsverschiedene Ehen und Familien geben wird. Durch enge persönliche und familiäre Beziehungen wird es immer mehr zu einem Vergleich zwischen den Religionen kommen. Zwangsläufig werden sich dadurch auch religiöse Vorstellungen mischen.

Fragen: Welche Folgen hat diese Entwicklung nach Ihrer Einschätzung für den katholischen Glauben und das Gemeindeleben?

Wie beurteilen Sie die Einschätzung, daß in konfessions- bzw. religionsverschiedenen Familien im Konfliktfall die Religion ausgeklammert wird bzw. gänzlich auf der Strecke bleibt?

Wie beurteilen Sie die Einschätzung, daß für solche Familien Religion oft nicht zum Zeichen des Heils, sondern zur Ursache von Problemen wird?

Ist somit das Leben stärker als die institutionellen Religionen ?

Was solle Ihrer Meinung nach die kath. Kirche den Familien mit verschiedenen Konfessions- und Religionszugehörigkeiten anbieten?

These 6

Nur 20% der Kirchensteuerzahler gehen im Bistum Fulda zur Kirche. Legt man die Beteiligung an der Pfarrgemeideratswahl 1999 zu Grunde, besuchen in Hanau noch nicht einmal 10% der Katholiken am Sonntag die Heilige Messe. Das Gros der Kirchensteuerzahler nimmt somit die Anbote der Gemeinden und kath. Einrichtungen nicht oder nur noch punktuell an. Irgend eine Verbindung will dieser Personenkreis aber doch noch zur Kirche halten, sonst würde er ja austreten.

Fragen: Welche Möglichkeiten sehen Sie, diesen Personenkreis anzusprechen?

Wie sollte nach Ihrer Einschätzung mit diesem Personenkreis umgegangen werden?

These 7

Aufgrund des Priestermangels auch im Bistum Fulda und der Altersstruktur der Priester in Hanau ist davon auszugehen, daß in absehbarer Zeit nicht mehr jede Pfarrei "ihren eigenen" Pfarrer haben wird.

Fragen: Wie sieht die Entwicklung des Priesternachwuchs im Bistum Fulda aus?

In welcher Weise beabsichtigt das Bistum bei einem eventuellen Priestermangel die Seelsorge in den einzelnen Pfarreien sicher zu stellen?

In welcher Form befassen sich die Gemeindegremien mit diesen Entwicklungen?

In welcher Form ist vorgesehen, die Laien an der Pfarrseelsorge zu beteiligen?

These 8

Aufgrund der Herausforderungen der Gegenwart ist es sinnvoll, über die eigenen Pfarrgrenzen hinaus zuschauen. Es gilt wahrzunehmen, welche Fähigkeiten, Kräfte und Ressourcen wo vorhanden sind und wie sie sinnvoll in der Stadt eingesetzt werden können. Dabei sollte auch mutig Aktivitäten und Engagement in neuen, ungewohnte Formen, Konstellationen und Kooperationen ermöglicht werden.

Fragen: Welche Möglichkeiten sieht der Hanauer Klerus in der Entwicklung einer pastoralräumlichen Planung für die Kernstadt?

Welche Schwerpunkte sollten nach Meinung des Presbyteriums in einer pastoralräumlichen Planung gesetzt werden?

In welcher Form können/sollten sich Gemeindegremien, Gruppierungen und interessierte Einzelpersonen an einer pastoralräumlichen Planung sich beteiligen?

15.07.00

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