Ein Jahr Papst Leo XIV.

„Reformen müssen weiter und tiefer gehen!“

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Eine kritische Würdigung von Wir sind Kirche
zum ersten Jahrestag der Wahl von Papst Leo XIV.

Pressemitteilung, München, Innsbruck, Rom, 7. Mai 2026

Die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche Deutschland und die Plattform Wir sind Kirche Österreich ziehen am Ende des ersten Amtsjahres von Papst Leo XIV. eine differenzierte Bilanz. Mit seinem Fokus auf Frieden vom ersten Tag an bis zu den zuletzt sehr deutlichen Ansagen gegenüber allen Kriegstreibern und damit auch der US-amerikanischen Politik sowie seine Botschaften auf seiner Afrika-Reise hat Papst Leo seinem Pontifikat und dem Papstamt im ersten Jahr ein starkes Profil gegeben. Leos Bemühen um Frieden und Zusammenwirken in der Weltpolitik findet zu Recht große Anerkennung und macht angesichts der weltweiten Krisen Hoffnung. Deutlich schwieriger wird es für ihn sein, Frieden und Einheit innerhalb der weltweiten römisch-katholischen Kirche zukunftsfähig zu gestalten.

Programmatisches Erbe

Als kluger, welt- und leitungserfahrener Ordensmann setzt Papst Leo das fort und um, was sein charismatischer Vorgänger Franziskus zu Recht aufgerüttelt und entfesselt hat. Mit dem viel zu wenig beachteten Schreiben „Dilexi te“ hat Leo das programmatische Erbe der „Option für die Armen“ seines Vorgängers übernommen und fortgeschrieben. Es ist der missionarische Kurs von Franziskus, der das Handeln für und mit den Armen jeglicher Art als zentrale Botschaft des christlichen Glaubens festigt. Dieses Dokument der Kontinuität zwischen Franziskus und Leo lobt die Neuauslegung der christlichen Offenbarung unter den modernen gesellschafts-, arbeits-, wirtschafts- und kulturellen Verhältnissen, die ohne das Kirchenvolk (die „Laien“) undenkbar ist. Wir sind Kirche sieht „Dilexi te“ als geeignete Grundlage für die vielen anstehenden und synodal zu treffenden Richtungsentscheidungen, vor denen die gesamte römisch-katholische Weltkirche, ja die Menschheit steht.

Weltweite Kultur- und Leitungserfahrung

Anders als der charismatische Systemsprenger Franziskus ist der von ihm als Nachfolger aufgebaute, eher kühl wirkende Gesamtamerikaner Leo XIV. ein Teamplayer mit weltweiter Kultur- und Leitungserfahrung, der Beratung sucht und den Vatikan sowie die Kardinäle mit regelmäßigen Konsistorien einbindet. Das ist nachhaltiger, kann jedoch leider auch dringend anstehende Reformen verlangsamen. Doch es ist unumgänglich, falsch verstandene Traditionen zügig zu beenden, die auf Macht und überholten anthropologischen Sichtweisen beruhen, wie sie auch in der Lehre des Augustinus, seines Ordensgründers, enthalten sind.

Einige konkrete Handlungsfelder

So wie Papst Leo sich in gebotener Deutlichkeit für die Menschenwürde und Menschenrechte – beispielsweise von Ausgegrenzten und Geflüchteten – einsetzt, so ist er auch daran zu messen, wie unter seiner Leitung die Menschenrechte innerhalb der eigenen Kirche umgesetzt werden. Manche seiner bisherigen Aussagen fordern deshalb zum Widerspruch heraus.

  • Klerikalismus
    Mit der Aussage, die hierarchische Ordnung der Kirche sei nicht menschengemacht, oder mit der Fußwaschung am Gründonnerstag nur von Priestern, hofft Leo vielleicht, die verunsicherten männlichen Kleriker zu befrieden. Doch dem kann und muss mit guten theologischen Argumenten in aller Deutlichkeit widersprochen werden. Es braucht eine Überwindung des metaphysisch und theologisch falsch begründeten Klerikalismus mit seinem problematischen Frauenbild und der Verweigerung innerkirchlicher Demokratie auf allen Ebenen. Die Zölibatspflicht ist zu überprüfen.
  • Frauenfrage
    Seine hinhaltenden Aussagen gegenüber der Frauenweihe haben besonders im westlichen Kulturraum für große Enttäuschung gesorgt. Die Weltsynode hat gezeigt, dass die „Frauenfrage“ weltweit relevant ist. Der veröffentlichte Abschlussbericht der Studiengruppe 5 „Frauen“ der Weltsynode zeigt deutlich, dass es mittlerweile auch in der Theologie unterschiedliche Positionen gibt. Aufhorchen lässt, dass auch Papst Leo nicht theologische, sondern kulturelle Hindernisse gegen die Frauenweihe sieht. Das eröffnet Möglichkeiten und verpflichtet zum Handeln. Schließlich ist die katholische Kirche die wohl größte Bildungsinstitution weltweit, und Leo legt sehr viel Wert auf Bildung und Ausbildung. Durch echte Gleichberechtigung der Frauen auf allen Ebenen könnte, ja müsste die katholische Kirche Vorreiterin sein, um die Situation von Frauen weltweit grundlegend zu verbessern.
  • Synodalität
    Entscheidend für die Zukunft der Kirche ist nicht nur die Fortsetzung des von Papst Franziskus initiierten Synodalprozesses, sondern eine echte Synodalität und Beteiligung auf Augenhöhe. Dass Papst Leo XIV. als Kardinal sich an den Synodenversammlungen aktiv beteiligte und nun die Fortsetzung zusichert, ist ein erster Schritt, der jedoch nicht ausreicht. Entscheidend ist die Transformation des Synodalprozesses in eine echte Synodalität auf allen Kirchenebenen, mit verbindlicher Partizipation und Mitverantwortung der Lai:innen sowie der Rechenschaftspflicht für Bischöfe und Verantwortliche in der Kirche. Die von Lai:innen und Bischöfen gemeinsam getroffenen Beschlüsse müssen für den Klerus moralisch und auch rechtlich bindend sein. Eine reine Beratungsrolle ist unzureichend. Ohne eine entsprechende zeitnahe Anpassung des Kirchenrechts bleiben echte pastorale, strukturelle und lehramtliche Reformen illusorisch.
  • Sexualisierte und geistliche Gewalt
    Sexualisierte und geistliche Gewalt, die die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche seit Jahrzehnten erschüttert, hat Papst Leo bei seinem ersten Konsistorium deutlich angesprochen. In vielen Ländern wird dieses Thema immer noch ignoriert oder kleingeredet. Wie beim Synodalen Weg in Deutschland wird kein Weg daran vorbeiführen, von den Kirchenleitungen in aller Welt entschiedenes Handeln einzufordern und die systemischen Ursachen von Machtmissbrauch, Gewalt und Vertuschung anzugehen.
  • Sexualmoral und Segensfeiern
    Das kürzlich vom Papst und dem Vatikan noch einmal bestätigte Nein zu den vom Synodalen Weg und einzelnen Bischöfen in Deutschland beschlossenen Segensfeiern ist nicht nur enttäuschend, sondern verweigert kulturell angepasste Entwicklungen. Wir begrüßen es, dass Papst Leo XIV. bei einem Dissens in der Sexualmoral keinen Grund für eine Kirchenspaltung sieht und andere „Gerechtigkeitsfragen“ ihm wichtiger sind. Aber die Kirche muss sich der Realität stellen: Eine Sexualmoral, die Millionen von Gläubigen ausschließt und ihre Lebenswirklichkeit leugnet, ist vor dem Hintergrund von Jesu umfassendem Liebesgebot nicht haltbar. Solange an Lehrmeinungen festgehalten wird, die Erkenntnisse der modernen Humanwissenschaften ignorieren und Menschen ausgrenzen, ist jede Rede von Einheit ein leeres Versprechen und nicht glaubwürdig.
  • Traditionalisten
    Leo sieht richtigerweise die Gefahr, dass die Auseinandersetzung um die „Alte Messe“ instrumentalisiert wird, um die vorkonziliare Theologie durchzusetzen. Wir sind Kirche warnt eindringlich davor, der Pius-Bruderschaft, die schon seinen Vorvorgänger getäuscht hat, und anderen spalterischen Bewegungen in irgendeiner Weise entgegenzukommen. Einheit muss auch Grenzen haben.
  • Erste Enzyklika
    Die für den 15. Mai 2026 (auf den Tag genau 135 Jahre nach der ersten Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ von Leo XIII.) angekündigte erste Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. bietet eine große Chance, angesichts der aktuellen Herausforderungen von Globalisierung, Technisierung und „Künstlicher Intelligenz“ ein ethisches Leitbild zu geben, das weltweit Beachtung finden kann. An den formulierten Maßstäben muss sich die katholische Kirche aber auch selber messen lassen, zum Beispiel an dem 1931 in „Quadragesimo Anno“ formulierten Prinzip der Subsidiarität, also der wichtigen Dezentralisierung und Regionalisierung in eigener Verantwortung.

Pressekontakt Wir sind Kirche Deutschland:
Sigrid Grabmeier, Tel: +49 170 86 26 290, E-Mail: grabmeier@wir-sind-kirche.de   
Konrad Mundo, Tel: +49 30 5433982, E-Mail: mundo@wir-sind-kirche.de    
Christoph Schomer, Tel: +49 177 764 80 94, E-Mail: schomer@wir-sind-kirche.de    
Christian Weisner, Tel: +49 172 518 40 82, E-Mail: presse@wir-sind-kirche.de

Pressekontakt Wir sind Kirche Österreich:

Dr. Martha Heizer, Tel: +43 650 4168500, E-Mail: martha@heizer.at

 

 

Bisherige Stellungnahmen von Wir sind Kirche 

Zum Priester-Papier + Konsistorium: 
Reformen dringend überfällig – Für eine synodal-demokratische Kirche
> Wir sind Kirche-Pressemitteilung 9.1.2026

Zur Exhortatio DILEXI TE von Papst Leo:
„Option für und mit den Armen als Fundament des jetzigen Pontifikats“  
> Wir sind Kirche-Pressemitteilung 9.10.2025

Zum Interview von Papst Leo: 
Eine erste Reaktion von Wir sind Kirche am 18. September 2025   
> Wir sind Kirche 18.9.2025

100 Tage Papst Leo XIV. (15.8.2025): 
„Papst Leo - Anderer Stil, gleiches Ziel“ 
> Wir sind Kirche-Pressemitteilung 11.8.2025

Zur Amtseinführung von Papst Leo XIV.: 
Wir sind Kirche International unterstützt die synodale Reform der Kirche durch Papst Leo XIV.   
> Wir sind Kirche Pressemitteilung 18.5.2025

Zur Wahl von Robert Prevost:
Wir sind Kirche begrüßt Papst Leo XIV. mit großen Hoffnungen und Erwartungen 
> Wir sind Kirche-Pressemitteilung 8.5.2025

 

“Reforms must go further and deeper!”

A critical assessment by We Are Church on the first anniversary of the election of Pope Leo XIV

Press release, Munich, Innsbruck, Rome, May 7, 2026

The We Are Church movement in Germany and the We Are Church Platform in Austria draw a nuanced conclusion at the end of Pope Leo XIV’s first year in office. With his focus on peace from the very first day, culminating in his recent, very clear pronouncements against all warmongers, including US policy, as well as his messages during his trip to Africa, Pope Leo has given his pontificate and the papacy a strong profile in this first year. Leo’s efforts toward peace and cooperation in world politics are rightly widely recognized and offer hope in light of the global crises. It will be considerably more difficult for him to shape peace and unity within the worldwide Roman Catholic Church in a sustainable way.

Programmatic Legacy

As a wise, worldly, and experienced religious, Pope Leo continues with and implements what his charismatic predecessor Francis rightly stirred up and unleashed. With the much too little-noticed document "Dilexi te," Leo has taken over and further developed the programmatic legacy of his predecessor's "preferential option for the poor." It is Francis's missionary course that solidifies action for and with the poor of all kinds as a central message of the Christian faith. This document of continuity between Francis and Leo praises the reinterpretation of Christian revelation in the context of modern social, labour, economic, and cultural conditions, which is inconceivable without the laity. We Are Church sees "Dilexi te" as a suitable foundation for the many pending and synodally required decisions on direction facing the entire Roman Catholic Church, indeed, all of humanity.

Global Cultural and Leadership Experience

Unlike the charismatic disruptor Francis, the more reserved and unassuming Leo XIV, whom he groomed as his successor, is a team player with global cultural and leadership experience. Leo XIV seeks consultation and involves the Vatican and the cardinals through regular consistories. This approach is more sustainable, but unfortunately, it can also slow down urgently needed reforms. However, it is essential to swiftly end misunderstood traditions based on power and outdated anthropological perspectives, such as those found in the teachings of Augustine, the founder of his order.

Some concrete areas for action

Just as Pope Leo XII advocates with due clarity for human dignity and human rights—for example, those of the marginalized and refugees—he must also be judged by how human rights are implemented within his own Church under his leadership. Some of his statements to date therefore invite contradiction.

  • Clericalism  
    With the statement that the hierarchical order of the Church is not man-made, or with the washing of feet on Holy Thursday only by priests, Leo may be hoping to appease the insecure male clergy. However, this can and must be countered with sound theological arguments in no uncertain terms. It is necessary to overcome clericalism, which is based on flawed metaphysical and theological foundations, with its problematic view of women and the denial of internal Church democracy at all levels. The requirement of celibacy must be reviewed.
  • The Women's Question 
    His evasive statements regarding the ordination of women have caused great disappointment, particularly in Western cultures. The Synod has shown that the "women's question" is relevant worldwide. The published final report of Study Group 5, "Women," of the Synod clearly demonstrates that there are now differing positions on this issue, even within theology. It is noteworthy that Pope Leo X sees cultural, rather than theological, obstacles to the ordination of women. This opens up possibilities and compels action. After all, the Catholic Church is arguably the largest educational institution in the world, and Leo places great emphasis on education and training. Through genuine equality for women at all levels, the Catholic Church could, indeed should, be a pioneer in fundamentally improving the situation of women worldwide.
  • Synodality
    Crucial for the future of the Church is not only the continuation of the synodal process initiated by Pope Francis, but also genuine synodality and participation on equal terms. That Pope Leo XIV, as a cardinal, actively participated in the synodal assemblies and has now pledged their continuation is a first step, but one that is insufficient. Crucial is the transformation of the synodal process into genuine synodality at all levels of the Church, with binding participation and shared responsibility for the laity, as well as accountability for bishops and those in positions of responsibility within the Church. Decisions made jointly by laity and bishops must be morally and legally binding for the clergy. A purely advisory role is inadequate. Without a corresponding, timely adaptation of canon law, genuine pastoral, structural, and magisterial reforms remain illusory.
  • Sexual and Spiritual Abuse 
    Sexual and spiritual abuse, which has shaken the credibility of the Catholic Church for decades, was clearly addressed by Pope Leo at his first consistory. In many countries, this issue is still ignored or downplayed. As with the Synodal Path in Germany, there is no alternative to demanding decisive action from church leaders worldwide and addressing the systemic causes of abuse of power, violence, and cover-ups.
  • Sexual Morality and Blessing Ceremonies 
    The recent reaffirmation by the Pope and the Vatican of the rejection of blessing ceremonies decided upon by the Synodal Path and individual bishops in Germany is not only disappointing but also rejects culturally appropriate developments. We welcome the fact that Pope Leo XIV does not see a disagreement on sexual morality as grounds for a schism in the Church and considers other “issues of justice” more important to him. But the Church must face reality: A sexual morality that excludes millions of believers and denies their lived reality is untenable in light of Jesus' all-encompassing commandment of love. As long as doctrines are clung to that ignore the findings of modern human sciences and marginalize people, any talk of unity is an empty promise and lacks credibility.
  • Traditionalists
    Leo rightly sees the danger that the controversy surrounding the "Old Mass" is being exploited to impose pre-conciliar theology. "We Are Church" strongly warns against accommodating the Society of St. Pius X, which already deceived his predecessor, and other divisive movements in any way. Unity must also have its limits. 
  • First Encyclical 
    The first encyclical, "Magnifica humanitas," by Pope Leo XIV, announced for 15. May, 2026 (exactly 135 years to the day after Leo XIII's first social encyclical, "Rerum Novarum"), offers a great opportunity to provide an ethical framework that can garner worldwide attention in light of the current challenges of globalization, technological advancement, and artificial intelligence. However, the Catholic Church must also be measured against the standards it sets, for example, against the principle of subsidiarity formulated in "Quadragesimo Anno" in 1931, which emphasizes the important decentralization and regionalization of responsibilities.

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Sigrid Grabmeier, Tel: +49 170 86 26 290, E-Mail: grabmeier@wir-sind-kirche.de   
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Christian Weisner, Tel: +49 172 518 40 82, E-Mail: presse@wir-sind-kirche.de

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Dr. Martha Heizer, Tel: +43 650 4168500, E-Mail: martha@heizer.at

Zuletzt geändert am 09­.05.2026